Blog: Italienische Zustände

Italien. Das Land, in dem mein Herz zu Hause ist. Die Planung des Roadtrips im Juli hat uns die verregneten und ungemütlichen Wintermonate versüßt. Endlich wollen wir unsere Freunde in Ligurien wiedersehen. Und plötzlich ist alles anders.

 

 

Urlaub in Italien. Spontan sein, zusammen sein, den Alltag hinter uns lassen.  So haben wir uns das vorgestellt.
Draußen leuchten die ersten Sonnenstrahlen. Trügerisch lockt der Frühling. Mit Erfolg- die Nachbarschaft grillt an, die Kinder spielen Ball.
Wir sitzen drinnen. Und starren ungläubig auf die Bilder aus meiner Wahlheimat.

Mein armes Italien!

„Bleibt bitte drinnen,“ warnen italienische Politiker. „Es wird sehr schlimm werden“. Virologen und die Bundesregierung bestätigen die Zahlen, die man mit gesundem Menschenverstand auch selbst interpretieren kann.
Die Bonner Innenstadt, Parks und Cafés sind gut besucht.
Es sei unzumutbar, lese ich, von einer Familie zu erwarten, in der Wohnung zu bleiben. Ich spüre eine leichte Panik in mir austeigen: Wie soll das auch gehen? Alleinerziehend mit zwei Kindern, Homeoffice und allein mit den wirtschaftlichen Sorgen, die mich als freie Autorin nachts wachhalten?

Keine Ablenkung, kein Entkommen aus der Situation.

Meine Freundin aus Florenz meldet sich. Sie hat seit vierzehn Tagen Ausgangssperre.  Die Sonne lacht am Himmel. Auch in Italien zieht der Frühling ein. Die Straßen sind leer.
Meine Freundin schreibt: „Uns geht es gut. Wie vertreibst du dir die Zeit? Sicher findest du jetzt viel Zeit zum schreiben“.
Und plötzlich quillt mein Herz über.
Was liebe ich denn eigentlich so an diesem Land?

Warum habe ich mich so sehr auf diese Reise im Sommer gefreut?

Wir mögen schon immer kleine Ferienhäuser in der Natur. Es gibt wenig Raum, sich zurückzuziehen. Wir wechseln uns ab mit der Auswahl der Musik. Meine Tochter ist dran. Ariana Grand. Nun gut. Wir lassen uns darauf ein, statt uns in unsere Zimmer mit unserer eigenen Musik zurückzuziehen. Die Kinder müssen mit mir Element of Crime hören. Nach drei Tagen singen sie mit.

Wir langweilen uns.

Und entwickeln kreative Taktiken, um ihr zu entkommen. Manchmal hilft nur noch streiten. Niemand entkommt, wie doof wir uns auch finden. Das Haus ist zu eng und wir sind zu weit weg, als dass jemand fliehen könnte. Wir müssen da durch, als Familie und wir haben die Chance, uns jenseits des Alltags wieder neu kennen- und lieben zu lernen. Es ist gut, dass ich schon mittags einen Rosé trinken darf. Ich liebe es, die Zeit zu vergessen und ohne Uhr zu leben.

Das ist mein Italien!

Ich schreibe meiner Freundin aus Florenz, während ich einen Korken aus der Weinflasche entlasse. Auch wir bleiben seit Anfang der Woche Zuhause. Mein Sohn kommt dazu, fragt, was wir zu Mittag essen. Ich sage: Pasta. Er fragt, ob er helfen darf- ihm sei langweilig. Ich schaue ihn an. Er wird im Sommer 15. Wie viele Wochen wird es noch geben, in denen wir unter uns sind. Jeden Abend zu dritt auf dem Sofa liegen und einen Film auswählen? Wann werde ich noch einmal die Gelegenheit haben, ihm in Ruhe alte Fotoalben zu zeigen, ohne dass er sagt, er geht lieber zu einem Kumpel?
Morgens sitzen wir gemeinsam an unserem großen Tisch. Ich schreibe, die Kinder üben für die Schule. 

Gemeinsamer Alltag.

Es ist eine schwierige Zeit. Eine Zeit, in der wir erschöpft sind von so viel Nähe. Enttäuscht sind, weil ich mich auf ein Radler am Alten Zoll gefreut hatte und wütend, weil Geburtstagsfeiern und Klassenfahrten ausfallen müssen. Es ist aber auch eine Zeit, in der wir unseren Kindern etwas sehr wichtiges zeigen können:
Nämlich,  wie man mit Frust umgeht und das Beste aus diesen schweren und unplanbaren Momenten im Leben herausholt.
Und ganz nebenbei übrigens auch, was Verantwortung bedeutet und wie wertvoll Gesundheit ist.

Die Sonne scheint durch das Fenster. Es duftet nach Tomatensauce.
Ich kann viel lernen von den Italienern in diesen Tagen:
Zuhause zu bleiben, um gewisse Italienische Zustände zu verhindern.
Aber auch, was mir wirklich wichtig ist.

Danke, Italien!