Blog: Narzissten und Kakteen

Der Alltag als freie Autorin ist geprägt von Stille und Einsamkeit? Er könnte. Wäre da nicht diese große Leidenschaft für Schnittblumen und narzisstische Männer…

Manchmal arbeite ich in Annas Büro in der Südstadt. Anna hat überall Blumen stehen. Schnittblumen in geschwungenen Vasen, grüne, schwingende Zimmerpflanzen in Tontöpfen, die sich dem Licht entgegenstrecken.
Ich möchte auch gern Pflanzen haben in meinem Fünfzigerjahreidyll mit den kleinen Zimmern und niedrigen Decken. Ich kaufe wöchentlich welche. Ich mag vor allem Tulpen, weil sie so bunt und schillernd sind.
Der Kater mag die Schnittblumen auch sehr. Aus den Sträußen werden zunächst die Gräser gezogen. Anschließend zerlöchert er die Blätter mit seinen Zähnen. Zuletzt wird die Vase umgeworfen.
Es ist sehr anstrengend, immer aufpassen zu müssen, dass sich neben Schnittblumen auf keinen Fall andere Dinge auf dem Tisch befinden. Schnittblumen zu besitzen, verlangt in meinem Alltag nach sehr viel Rücksichtnahme. Ich habe da ehrlicher Weise kein gutes Händchen für.

Mit narzisstischen Männern ist es ganz ähnlich.

Es geht mir mit ihnen, wie mit einem Tulpenstrauß: Sie bringen sehr viel Frische und Farbe in mein Leben. Schillernd sind sie. Bunt. Mit gereckten Köpfen ziehen sie die Aufmerksamkeit auf sich.
Bis sie schließlich umkippen und alles überschwappen.
Ähnlich, wie ich eine frische Blumenvase auf meinem Wohnzimmertisch stets im Auge behalten muss, ist es mit den Narzissten:
Auf Partys, die man gemeinsam besucht, gilt es stets, den Mann im Auge zu behalten. Zu lange Zeitspannen der Nichtbeachtung werden bestraft mit emotionalen Überschwemmungen.
Zeichenblöcke und Laptops sind übrigens ausgesprochen anfällig für Wasserschäden.
Alles in meinem Leben scheint sehr angreifbar zu sein, für Blumenwasser und Narzissten.
Und ich frage mich: Bin ich Schuld, weil ich nicht gut genug aufpasse und nicht genügend Platz mache?

Mein Leben verträgt sich mit Narzissten offenbar genauso wenig, wie mit Schnittblumen.

Und doch reizen sie mich ungemein! Immer wieder tue ich es.
Manchmal halten meine Tulpen eine ganze Woche aus. Dann bin ich sehr stolz, es so lange geschafft zu haben. Und auch sehr erschöpft. Denn ich muss immer daran denken, die Vase mit den Blumen in Sicherheit zu bringen, wenn ich das Wohnzimmer verlasse. Zum Duschen nehme ich sie einfach mit ins Badezimmer. Und wenn ich weggehe, stelle ich die Blumen in meine Abstellkammer. Leider vergesse ich es oft, sie wieder aus der Kammer herauszuholen, wenn ich nach Hause komme. Dann finde ich sie Tage später, wenn ich den Staubsauger holen will und sie stinken modrig und ihre Köpfe hängen vorwurfsvoll herab.
Wenn ich dann die Tulpen in meinem Mülleimer entsorge, dann fühle ich mich sehr schlecht.
Ob der stille Vorwurf der Schnittblumen oder der laute Vorwurf der Narzissten schlimmer ist: Ich weiß es nicht. Ich sei ein Egoist, werfen sie mir vor. Weil ich mich nicht darum kümmere, dass es ihnen gut geht bei mir.
Während ich das Gefühl habe, nichts Anderes mehr zu tun, als mich um sie zu Sorgen. Es geht nicht gut mit uns.

Bin ich vielleicht ein Egoist, weil ich es immer wieder ausprobiere?

„Kauf Dir doch Kakteen!“ schlägt Anna vor. Ich nicke. Der Kater schaut auf. Wir mögen Kakteen einfach nicht. Sie sind langweilig. Andauernd muss ich darauf achten, sie nicht zu ertränken. Und dann diese fürchterlich öde Genügsamkeit.
Vielleicht ist das mein Schicksal, denke ich: Während mir stacheliges Grünzeug so gar nicht liegt, können mir Männer nicht widerborstig genug sein.    

Julia Schulz