Blog: Über Herz- und Knochenbrüche

Solange die Sonne scheint, ist alles gut. Dann merke ich es kaum noch. Da lebe ich, als sei nie etwas geschehen. Es gibt inzwischen Tage, da denke ich überhaupt nicht mehr daran. Wenn es warm ist und die Sonne scheint, dann ist es fast so wie vorher.
Umso härter trifft mich der Schmerz, wenn die Stimmung umschlägt. Mit Regen und Kälte können wir nicht gut umgehen. Weder meine Hand, noch mein Herz.

Dass ich fünfunddreißig Jahre lang lebte, ohne mir jemals einen Knochen zu brechen, mag für andere so erstaunlich sein, wie für mich Beziehungen, die länger halten als ein Jahr.
Wer keinerlei Erfahrung mit Knochenbrüchen und Trennungen hat, der hat sehr unrealistische Vorstellungen davon: Ich stellte mir blaue Schwellungen vor, unmögliche Winkel in Gliedmaßen und im schlechtesten Fall splitternd herausragende Knochenenden. Wie bitte, soll man so etwa nicht sofort bemerken?

Und wie soll man übersehen können, dass etwas in der eigenen Beziehung nicht stimmt?

Wer selbst noch keinen Knochenbruch und keine Trennung erlebt hat, der hat gut reden: Man muss eben besser aufpassen! Und: Es gibt eben die Geschickteren und die Ungeschickteren unter uns. Mir passiert so etwas nicht, das ist jedenfalls klar! Ich brüstete mich damit, offenbar eine ganz besonders gute Knochensubstanz zu besitzen.
Doch dann geschah es: Ein falscher Schritt, ein übermütiger Dreher, ein fremder Fuß, über den man stolpert; ich fiel und stützte mich mit meiner rechten Hand ab. Und rettete so den aufregenden Gin Tonic mit Schirmchen und Schimmer in der Linken.

Eine spontane Entscheidung; nur ein kleiner Flirt, der alles ändert…

Wenn etwas, an dessen Belastbarkeit im Alltag man gewöhnt ist, plötzlich nicht mehr funktioniert, dann neigt man dazu, es erst einmal zu verdrängen. Das trifft auf geschwollene rechte Hände zu, genau wie auf Beziehungsprobleme: Wir haben schließlich eine gemeinsame Wohnung, Kinder vielleicht oder zumindest einen Hund- das wird schon wieder. Weitermachen. Funktionieren.
Bei der Arbeit stützte ich die Hand provisorisch, damit sie den Anforderungen des Alltags gerecht wurde. Einen richtigen Bruch, dachte ich, den merkt man schon.

Wenn ich abends ins Bett ging, dann spürte ich, dass etwas anders war

Meine Hand war noch immer meine Hand, doch sie lag neben mir in der Dunkelheit, ganz taub und fremd und abgewandt und im tiefsten Innern wusste ich, dass etwas nicht stimmte.
Vielleicht solltet ihr miteinander reden.
Vielleicht gehst Du besser zum Arzt.
Doch wenn man erahnen kann, was ein richtiger Bruch für das Leben bedeuten würde, dann möchte man es gar ausgesprochen haben. Denn dann ist es ja real. Und erfordert eine Reaktion. Der Alltag eignet sich ganz prima, um kaputte Hände und Beziehungen zu verdrängen.

Irgendwann kommt der Moment in dem man weiß, dass man sich etwas vormacht

Sei es der Moment, in dem der Freund die Umzugskisten ins Auto packt oder der Augenblick, in dem einem der Arzt den rechten Arm von der Fingerspitze bis zum Ellbogen eingipst: Plötzlich weiß man, dass es passiert ist. Und es hilft kein Schreien und kein Winden. Dann heißt es nur noch, sich mit der neuen Situation zu arrangieren.
Manche Dinge schaffte ich mit links. Andere gar nicht. Dann galt es, um Hilfe zu bitten. Es zuzugeben. Die Verletzbarkeit preis zugeben. Die Zeit des Schmerzes zu akzeptieren.
Und nach einigen Wochen kam der Gips wieder ab.

Niemand, der es nicht weiß, kann noch sehen, was geschehen ist

Man reicht mir unbedacht die Hand, drückt sie, gibt mir ein High-Five. Ich beiße die Zähne aufeinander, in Erwartung des nahenden Schmerzes. Ich bin vorsichtiger. Ängstlicher. Ich habe gelernt, dass Knochen brechen können.

Solange die Sonne scheint geht es uns gut.
Dann funktioniert das Leben prima.
Nur wenn es kalt wird und es regnet und wir auf dem Sofa sitzen, meine Hand und ich. Dann frage ich mich manchmal:  
Kann sie einem erneuten Sturz standhalten?
Oder wird sie wieder und wieder brechen?

Julia Schulz