Blog: Wir brauchen gefälligst Konflikte!

Eltern und Jugendliche müssen streiten. Das ist ausgesprochen wichtig für die Entwicklung. Dass auch ich mit meinem Kind früher oder später aneinandergeraten würde, damit hatte ich gerechnet. Doch es gibt da ein Problem…

Wir Menschen haben Konflikte. Egal, ob es um politische Ansichten, einen unterschiedlichen Humor oder verschiedene Meinungen über nasse Handtücher auf Badezimmerböden geht: Es gibt unendlich viele Gründe für Auseinandersetzungen.

Und deshalb müssen junge Erwachsene dringend üben, sich zu streiten. Und am besten geht das mit den Eltern.
Die Jugendlichen sollen trainieren, ihre eigenen Ansichten zu verteidigen. Und praktischer Weise können die Eltern zeitgleich lernen, dass sie allmählich nicht mehr gebraucht werden.
Es geht um das Finden der eigenen Identität auf der einen, und um das Wiederfinden der eigenen Identität auf der anderen Seite.

„Tiere zu essen ist Mord!“

verkündet mein Kind eines Tages beim Mittagessen, den Kopf mutig erhoben. Ich halte kurz inne, mit der Kelle in der Hand und runzele die Stirn. Dann nicke ich und schaufele ihm einen Berg Nudeln auf den Teller. „Darum essen wir ja auch kein Fleisch“, antworte ich und pieke die Gabel in ein Broccoliröschen. Das Kind lässt den Kopf sinken und starrt in die Mahlzeit. Wir essen schweigend.

„Dieser Verpackungswahnsinn! Mich macht das alles krank!“

 sagt mein Kind mit angespannten Schultern. Ich werfe einen Blick in unsere gelbe Tonne und nicke. „Du hast recht!“ antworte ich. „Wir müssen etwas ändern.“
Das Kind schlurft mit hängenden Schultern über den Biomarkt und verfolgt genervt meine Diskussion mit dem Apfelbauern, der mir das Obst nicht einfach direkt in meinen eigenen Jutebeutel packen will. Schweigend laufen wir nach Hause.

„Es ist Blödsinn in der Stadt mit dem Auto zu fahren!“

schimpft mein Kind. Ich fühle mich ertappt und schaue in den Kühlschrank. „Wir brauchen einen kompletten Großeinkauf…“ stelle ich fest. Triumphierend antwortet es: „Das kann kein Grund sein, unser Klima zu verpesten!“. Kurz darauf überreiche ich meinem Kind eine Einkaufliste.
Bei seiner Rückkehr sieht es aus, als habe es mit unserem 60-Liter-Rucksack die Welt umrundet. Blass stellt es die Wasserkiste ab und verschwindet schweigend in seinem Zimmer.

Ich koche mir einen Kaffee und plötzlich überkommt mich eine Sorge

Biete ich zu wenig Angriffsfläche? Braucht das Kind mehr Wiederstand? Mehr Differenz?
Ich male mir Horrorszenarien aus: Wird es sich das Gesicht tätowieren lassen müssen, weil es keinen anderen Konflikt mit mir findet? Ziehe ich einen AfD-Wähler heran, weil das arme Kind sich irgendwie doch von mir abgrenzen muss? Plant es da in seinem Zimmer etwa schon eine MITTELMEERKREUZFAHRT?
Der Angstschweiß steht mir auf der Stirn, als sich seine Zimmertür öffnet.
Das Kind mustert mich. „Was trinkst Du da?“ fragt es kritisch.
Irritiert schaue ich in meinen Becher. „Kaffee“, sage ich. „Mit Bio-Sojamilch.“
Mein Kind kneift die Augen zusammen. „Kaffee?“ fragt es. „Weißt Du, wie ungesund das ist?“. Schweigen. Dann: „Du könntest auch frischen Pfefferminztee trinken!“.

Wir starren uns an, wie zwei Cowboys am High Noon

„Ich hasse Pfefferminztee!“ knurre ich.
Ich spüre den provokanten Blick des Kindes.
„Aber es ist besser für Dich!“ kontert es mit sonorer Stimme.
Ich umklammere meinen Kaffeebecher.
„Niemals!“ antworte ich. Und dann lauter: „NIEMALS werde ich auf meinen Kaffee verzichten!“.
Ich beobachte mein Kind und entdecke ein zufriedenes Grinsen in seinem Gesicht, kurz bevor es rot anläuft.

„Wie kann man nur so ignorant sein!“

schreit es, eilt theatralisch in sein Zimmer und knallt die Tür zu, dass der Lack nur so vom Rahmen rieselt. „Scheiße!“ brüllt es. „Jetzt bin ich auch noch auf eine beschissene, verfickte Playmo-Figur getreten!“.
Ich lehne mich zurück. Der Angstschweiß ist getrocknet.
„Ich hatte Dir gesagt, Du solltest mal wieder aufräumen…“, trällere ich und trinke einen Schluck Kaffee.
„Lass mich gefälligst in RUHE!“ schreit das Kind und ich höre etwas an der Wand zerschellen. Schweigend sinke ich in die Sofakissen.

Alles in bester Ordnung!

Julia Schulz