Blog: Vorsicht, Wochenende! – Eine relativ ernsthafte Verschwörungstheorie

Andere Menschen buchen Fernreisen. Mir reicht ein einfaches Wochenende, um die Symptome eines Jetlags zu erleben. Über den wöchentlichen Kampf gegen die Ermattung und die einzig logische Erklärung, warum es Sonn- und Feiertage gibt…

Es ist Montag. Ich trinke den dritten Becher Kaffee. Während ich aus dem Fenster starre frage ich mich, was bloß falsch läuft bei mir. Erholt sollte ich mich fühlen, nach dem Wochenende. Und motiviert. Stattdessen schaue ich dem Eichhörnchen zu, das emsig seine Fundstücke verräumt und suche in meinem Inneren fieberhaft nach der Energie, die ich doch Ende letzter Woche noch hatte. Die Tage, die vor mir liegen, sind die Sprossen meines Hamsterrades. Doch das Rad steht still.
Das Eichhörnchen schaut mich von seinem Ast aus einen Moment lang mitleidig an. Dann huscht es auch schon wieder weiter.

Jede Woche dasselbe Spiel

Mit einem leisen Knattern setzt sich am Dienstagmorgen langsam der Motor in Bewegung. Mittags gelingt mir ein Lächeln. Bis zum Abend keimt das Gefühl in mir auf, dass das Leben ganz vielleicht doch noch einen Sinn ergeben könnte. Die Leistungskurve steigt Mittwoch und Donnerstag exponentiell, bis sie am Freitag ihren Höhepunkt erreicht hat. Freitagvormittag kommt der Druck des nahenden Wochenendes hinzu und bis zum Nachmittag entwickele ich mich zu Super-Mario kurz vorm Endgegner. Pünktlich zum abendlichen Freizeitprogramm bin ich fertig, hektisch schwinge ich den Schminkpinsel, um pünktlich ins Kino oder in den Biergarten zu kommen. „Hey, Powerfrau!“ begrüßt mich meine Freundin und ich lächele schwer atmend unter meinen schwitzig herablaufenden Rougewangen hervor. Ich möchte dieses Geräusch von mir geben, wie Tool-Time-Tim:

Ho, ho, ho, wir brauchen mehr Power!

Ich bin der Duracel-Hase, während ich am Samstagmorgen vor Sonnenaufgang die letzten liegengebliebenen Dinge für einen Job erledige. Bis zum Frühstück habe ich es geschafft und klappe den Laptop zu. Es ist ja schließlich Wochenende und da arbeite ich nicht.
Damit ich mich danach endlich entspannt zurücklehnen kann, denn dazu sind freie Tage ja schließlich da, putze ich den Samstag über die Wohnung, mache die Wäsche, frage Vokabeln ab und kaufe den Supermarkt leer. Abends falle ich auf die Couch und nicke um 21 Uhr vor einem Superheldenfilm ein.

Und dann ist endlich Sonntag.
Schön.
Ich kann ausschlafen. Wir haben nichts vor heute.
Das tut gut.
Mal nichts machen zu müssen. So schön ruhig alles…

„Mama, lass das bitte, es nervt!“, ermahnt mich mein Sohn beim Frühstück. Ich kippele mit dem Stuhl, wie ein ADHS-Schüler und schiebe das schweigende Handy auf der Tischplatte hin und her. „Tschuldigung“, sage ich.
Ich schaue aus dem Fenster. Das Eichhörnchen arbeitet auch sonntags. In 21 Stunden beginnt meine neue Arbeitswoche. Ich könnte noch Sport machen. Oder das Bücherregal sortieren. Oder lesen. Oder fernsehen. Vielleicht etwas kochen. Ich starre gelähmt auf den Baum vor meinem Fenster und meine Augen verfolgen das emsige braune Fell, das hin und her springt.
Es ist ja Sonntag. Mal nichts machen müssen. Schön.
Mein linkes Augenlid zuckt nervös.

Und dann ist wieder Montag

Ich trinke meinen Kaffee am Fenster.
Das Eichhörnchen nickt mir kurz zu, bevor es wieder den Baum hinaufeilt. Ich bin ein narkotisierter Duracel-Hase. Und ich frage mich, was dieser Sonntag soll. Ich arbeite die ganze Woche lang auf eine Zeit hin, die nur dazu dienlich erscheint, mich völlig aus der Bahn zu werfen.
Ich habe von einem Mann gelesen, der die Wochenenden einfach ignorierte. Samstags und sonntags stand er, wie immer, um 7 Uhr auf, zog seinen Anzug an und ging in seine Kanzlei.
Er war ein außerordentlich erfolgreicher Anwalt.

Neulich habe ich die Zeitumstellung versäumt. Ich war allein, die Funkuhren hatten sich automatisch umgestellt und als meine Tochter montags drüber debattierte, wie spät es jetzt ja eigentlich wäre und warum sie nicht müde sei, hielt ich es für einen Scherz. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich keinerlei Symptome gespürt.

Ich wittere eine Verschwörung

Seitdem bin ich sicher: Hätte es den Sonntag nicht gegeben, so hätte Sisyphos sein Ziel erreicht. Die Woche ist der Berg und der Sonntag der Gipfel, ab dem uns der Felsbrocken entgleitet und er rast bergab, Woche für Woche, wieder und wieder.
Und immer wieder montags gilt es, das stehengebliebene Hamsterrad ans Laufen zu kriegen.
Eine Woche ohne Wochenenden würde die Gesellschaft sehr wahrscheinlich zu einer leistungsfähigen, unkontrollierbaren Maschine machen, die innerhalb weniger Wochen Autos entwickelt, die mit Leitungswasser fahren. Die Manipulation durch die Mächtigen würde nicht mehr geduldet- die Meuterei wäre unvermeidbar.
Ist das Wochenende nur gemacht, um uns in Schach zu halten?
Ist das Wochenende das Ritalin der Erwachsenen? „Komm, halt durch! Bald ist Wochenende!“ wiederholt der Kollege das Mantra der arbeitenden Gesellschaft.
Doch der Montag folgt. Wie der Kater nach einer Party.

Ich habe das recherchiert

Die „Freizeit-Depression“ und der „Montags-Blues“ sind bekannte Krankheitsbilder. Und Woche für Woche, Urlaub für Urlaub infizieren wir uns aufs Neue. Ein weiteres Indiz für meine Verschwörungstheorie fand ich in der Tatsache, dass besonders anfällig jene Menschen seien, die einen überdurchschnittlichen Intelligenzquotienten aufweisen. Jetzt verstehe ich, warum ich noch nicht reich und berühmt bin: Man hält mich mit Hilfe der Wochenenden ganz einfach davon ab.
Ich gähne und hole mir noch einen Kaffee.
Ich schaue aus dem Fenster. Das Eichhörnchen wirft eine Nuss und sie prallt ab vom Dach eines voreifahrenden BMWs. Plötzlich wird mir alles klar.
Dafür, dass die Zeitumstellung nun trotzdem abgeschafft wird, sehe ich nur eine einzige Erklärung:
Wenn das so weitergeht mit der Trägheit der Menschen, werden die Eichhörnchen früher oder später die Weltherrschaft an sich reißen.

Julia Schulz